14 Literaturtipps zu diesem Thema in einem Artikel.

Wem vertrauen Sie? Wann haben Sie zuletzt vertraut? Was ist daraus geworden? Gibt es überhaupt so etwas Vertrauen in Menschen, die uns im Business begegnen, wo doch alles nur ums Geld geht? Wie soll ich meinem Chef vertrauen, wenn ich doch weiß, dass er im kritischen Fall mich mit einer Handbewegung ins Nirwana schicken kann?

Es wird so viel über Vertrauen in der Führung geschrieben, so, als wäre es ganz easy. Irgendetwas scheint an dem Thema dran zu sein, hat sich doch Niklas Luhman (6)(7) 1968 über das damals noch „spärliche Schrifttum“ zu diesem Thema beklagt.  Vielleicht liegt es an unserer Sehnsucht, wieder vertrauen zu dürfen und zu können in einer Welt, in der heute alles anders ist als gestern und morgen alles anders sein wird als heute?

Vertrauen gewinnen, halten und verlieren

Vertrauen zu gewinnen und zu geben ist eine wunderbare Fähigkeit des Menschen. Es sichert unser Überleben. SIMMEL (9) beschreibt es als „synthetische Kraft“ die uns zusammenhält, LUHMANN als „Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität.“

Die Neurowissenschaft (5) meint „Es scheint einen Schaltkreislauf für soziales Verhalten im Gehirn zu geben, der teilweise unter genetischer Kontrolle ist“, erklärt Meyer-Lindenberg, „aber natürlich gibt es neben den Genen noch andere Faktoren, wie etwa das Hormon Oxytocin, die dabei auch eine Rolle spielen und auch im Gehirn tätig werden.“  

Die Bereitschaft und Fähigkeit Anderen zu vertrauen ist ziemlich sicher auch abhängig von unserer Persönlichkeit. So wurde wissenschaftlich untersucht, dass „…sich ein signifikant positiver Zusammenhang zwischen Allgemeinem Vertrauen und Extraversion“ ergibt (1).

Das könnte ich bestätigen. Ich bin eher der Typ „„extrovertiert und ein Mensch, der jedem einen Vertrauensvorschuss gibt weil ich denke, dass es jeder verdient zu zeigen, wie gut er damit umgehen kann. Dadurch lerne ich viele wertvolle Menschen kennen, sie bereichern mein Leben und ich ihres vielleicht auch. Manche können damit nicht so richtig umgehen, damit muss ich leben, und zahle den Preis des möglichen Ausgenutztwerdens (11).

Dießel (2) beschreibt diese ganz persönliche Erfahrung in seiner Dissertation:

„Die Wirkung von Vertrauen und Misstrauen auf Entscheidungen in sozialen Interaktionen – Eine kognitiv-neurowissenschaftliche Untersuchung“:  

„Vielleicht ist es gerade die menschliche Fähigkeit, Vertrauen zu geben bzw. zu empfangen (und darauf vertrauenswürdig zu reagieren), durch die sich Inkonsistenz im Menschlichen Erleben reduzieren lässt. Vertrauen als Mittler zwischen den (oft widersprüchlichen) menschlichen Grundbedürfnissen – ein Weg, gleichzeitig die eigenen und die Bedürfnisse der Anderen im Blick zu behalten – würde sich als ein Hinweis darauf erweisen, wie Menschen zwar kurzfristig ein Risiko eingehen (Vertrauen kann missbraucht werden), langfristig aber ihre individuelle Sicherheit durch die Etablierung stabiler und gewinnbringender sozialer Normen (Vertrauen wird belohnt) steigern.“

Kurz: Vertrauen. Wir brauchen es, wir suchen es, wir geben es – aber wir müssen es uns auch verdienen.

Wenn ich vertraue, gebe einem anderen meine Gefühle, ich gebe einem anderen Menschen damit die Erlaubnis Macht über mich auszuüben. Nicht selten wird das dann auch getan. Und dann ist Schluss mit Vertrauen.

Vertrauen und Führung

Wenn ich z.B. als Führungskraft einmal Vertrauen verspielt habe, bekomme ich es so schnell nicht wieder. Wir Menschen sind da vielleicht viel einfacher gestrickt als die Menge an Veröffentlichungen vermuten lässt. Wir vertrauen – es wird belohnt – wir vertrauen weiter. Wir vertrauen – es wird missbraucht – wir entziehen unser Vertrauen.

Dabei können wir Vertrauensentzug auch schnell verallgemeinern, ob das Sin macht oder nicht. Erfahren wir, dass sich ein Politiker bestechen ließ, ist die „Politik korrupt“ – und damit nicht vertrauenswürdig. Und umgekehrt: Lesen wir zehn positive Rezensionen zu einem Produkt kaufen wir es mit dem Vertrauen darauf, dass es wohl stimmen mag, da es so viele Menschen (die wir gar nicht kennen) positiv bewerteten.

Für Führung bedeutet das: Vertrauen ist ein scheues Reh. Wir müssen es uns verdienen. Es ist aber durch eine Handlung, einen Satz auch wieder schneller weg als wir „Huh“ sagen können.

Beispiel: >>Gehen Sie doch mal nachmittags in ein Krankenhaus und besuchen Sie einen Angehörigen, dann sehen Sie das Schwesternzimmer, an dem ein Schild hängt mit der Aufschrift ‚Übergabe‘. Wenn Sie die Türe öffnen, sehen Sie, wie sie Kaffee saufen.<<

Spruch im Zusammenhang mit der Tatsache, dass der Arbeitsdruck unter den Pflegekräften enorm hoch, die Zahl der der Patienten zwischen 2001 und 2011 um 5,9 Prozent zugenommen, die Zahl der Pflegekräfte im gleichen Zeitraum aber um 6,2 Prozent abgenommen hat (13) (14).

Die Fähigkeit Vertrauen zu gewinnen ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor

Folgen Sie jemanden, von dem Sie annehmen, dass er den Weg nicht weiß? Geben Sie jemanden ihr Geld, der gerade mal nachts auf dem Hauptbahnhof herumlungert? Nein. Also wird der eine den Weg alleine ohne Sie gehen. Und der andere wird niemals ihr Geld sehen.  Börsen wissen es, die Werbung weiß es, die Führung sollte es wissen (4) : Ohne Vertrauen geht gar nichts in Sachen Erfolg.

LEADERSHIP TRUST INDIZES

„Ein Indikator, der die die Bedeutung von Vertrauen ausdrückt, ist die Vielzahl der Skalen, die zur Messung von Vertrauen in Wissenschaft wie Praxis entwickelt wurden. Vielleicht ist der Great Place to Work Trust Index© hierunter im Managementbereich am bekanntesten, der jährlich weltweit bei mehreren Tausend Unternehmen erhoben wird. Die Auswertungen zeigen, dass der finanzielle Erfolg mit einer High-Trust Culture einhergeht. Die 100 besten Companies verdienen nach dortigen Angaben fast dreimal mehr als der Marktdurchschnitt (Stock Market Returns).“(8)

Der Leadership Trust Index

Der Leadership Trust Index (8) basiert auf der Annahme das „trust goes to the very heart of an organisation’s performance.“ Vertrauen entwickelt sich über sechs Dimensionen: Fähigkeit und Wissen, Offenheit, Verständnis Fairness. Integrität, Konsistenz und ist laut Bericht zwischen 2009 und 2011 deutlich gestiegen. Interessant wären auch die aktuellen Daten, aber das Institute for leadership will ja auch etwas verdienen.

Selbstvertrauen

Allerdings: Es wird immer gemessen, ob andere, d.h. in diesem Fall meiner Mitarbeiter mir vertrauen. Die Fremdwahrnehmung wird abgefragt. Wie sieht es denn aus mit dem Selbstvertrauen?

Das geht einher mit Selbstbewusstsein, mit Selbstwert. Je höher unser Selbstwert, desto eher sind wir bereit auch Vertrauen in andere zu legen. Die Gefahr des Enttäuschtwerdens wird nicht so hoch eingeschätzt, da wir in der Lage sind, durch unser Selbstwertgefühl diese Enttäuschung zu verarbeiten und zu überwinden.

Umgekehrt aber gibt es viele Beispiele, in denen wir in Andere hohes Vertrauen setzen in der Hoffnung, dass sie unser eigenes geringer ausgeprägtes Selbstwertgefühl „heben“.

Das ist das Verrückte an dem Thema „Vertrauen“: Sowie man meint eine Regel gefunden zu haben, so schnell gibt es dafür auch Gegenbeispiele.

Natürliches Selbstbewusstsein als Basis für Vertrauen

Instinktiv wissen Führungskräfte, dass Mitarbeiter denen vertrauen (bzw. folgen), die Selbstbewusstsein ausstrahlen – ob es nun vorhanden ist oder nur gespielt ist. Das führt teilweise zu massiven pathologischen und zerstörerischen Verhaltensweisen (12).

Ich meine eher das natürliche Selbstbewusstsein. Das auch mal zweifeln muss, um sich neu zu finden. Das hinfällt und wieder aufsteht. Das erarbeitet werden muss und zu einer inneren, stabilen Authentizität führt. Das erst dann zu Konsistenz führt, zur Verlässlichkeit um als Glaubwürdigkeit von außen wahrgenommen zu werden.

Das natürliche Selbstbewusstsein sagt auch mal: „Sorry, ich kann die Zukunft nicht vorhersagen“ und ist damit – ehrlich. Es steht zu offenen Fragen und versucht nicht etwas vorzutäuschen oder Dinge zu tun, die gar nicht zur Person passen, nur um andere zu beeindrucken oder Vertrauen zu erkaufen.

Das natürliche Selbstbewusstsein entwickelt sich beständig aus der Interaktion mit anderen. Dafür ist es meiner Meinung nach erforderlich, anderen Menschen zu vertrauen – sonst werden sie nie mit Vertrauen antworten.

Das Gleiche gilt für Führungskräfte. Wie viele kontrollieren ihre Mitarbeiter, bis der Arzt kommt, aus der Angst heraus betrogen werden zu können. Es gilt auch für Personaler, zum Beispiel in Auswahlgesprächen. Jede Aussage, jeder Part im Lebenslauf wird durchleuchtet in der Annahme, dass der Bewerber mich schon anlügen wird. Mit Sicherheit wird er es tun, denn in dieser Atmosphäre kann sich kein Vertrauen entwickeln.  Aber zusammenarbeiten, ja, das will man. Und die Mitarbeiter motivieren, ja, das auch. Mir ist es schleierhaft, wie so etwas funktionieren soll.

Die zweite Chance

Wir sind bereit auch Menschen, die unser Vertrauen ignoriert haben, eine zweite Chance zu geben. Das nennt man Verzeihen – eine der wunderbaren Konfliktlösungsstrategien, die uns die Natur zur Verfügung gestellt hat und die Frans de Waal so unglaublich gut für uns aus der Wissenschaft verständlich aufbereitet (3).

(Fast) jede Führungskraft, (evtl. selbst der Kaffee-Krankenschwester-Spruchmacher und Mitbegründer von Helios) könnte wieder Vertrauen gewinnen.

Manchmal allerdings frage ich mich, warum sie es nicht tun. Denn wenn ich mich Vertrauen gesetzt wird, dann habe ich damit automatisch eine Verbindung zu einem Menschen und übernehme auch Verantwortung. Manche wollen es aber nicht, Verantwortungsübernahme macht ihnen vielleicht Angst. Das ist auch soweit ok., solange sie dann nicht in verantwortungsvollen Positionen sitzen.

Die Formel des Vertrauens

Für Führung und auch sonst: in der Erziehung, in der Politik, in der Freundschaft  und auch sonst:

Glaubwürdigkeit + Authentizität + Konsistenz + Verzeihen + Verantwortung + Ehrlichkeit + Natürliches Selbstbewusstsein.

Und eine gehörige Portion Mut.

Herzlichst, Silke Wöhrmann

Dieser Artikel kommt von: Blog HRM Inspiration

Silke Wöhrmann, Dipl.-Kfm. Ist HR-Managerin, Coach, Hochschuldozentin für Personalpsychologie / Eignungsdiagnostik und Inhaberin der APT Human Management,

Urheberin des Leadership-Modells „Leadership with a smile„.

(1) Berndl, S.: Persönlichkeit und Bereitschaft, Anderen zu vertrauen, 2009 https://www.grin.com/document/65194

(2)  Dießel, Martin:  Die Wirkung von Vertrauen und Misstrauen auf Entscheidungen in sozialen Interaktionen – Eine kognitiv-neurowissenschaftliche Untersuchung, 2012, Erfurt, http://hss.ulb.uni-bonn.de/2012/2771/2771.pdf

(3)  De Waal, F.: Was Schimpansen und Chirurgen gemeinsam haben

Volkart Wildermuth, aus: deutschlandfunkkultur: https://www.deutschlandfunkkultur.de/verhaltensforscher-frans-de-waal-was-schimpansen-und.976.de.html?dram:article_id=422730

(4)  Fairholm, G. W. Leadership and the culture of trust, Prager, London, 1994

(5)  Handelsblatt, 2009 Vertrauen steckt uns in den Genen https://www.grin.com/document/65194

(6) Kneer, G./Nassehi, A.: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme: Eine Einführung , 4. unveränd. Aufl. , UTB,

(7)  Luhmann, N.: Vertrauen: Vertrauen: ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität
Band 28 von Neue Folge, Soziologische Gegenwartsfragen
Ausgabe 28 von Soziologische Gegenwartsfragen
, F. Enke, 1968, University of Michigan

(8)  Leadership Trust Index Index of Leadership Trust Institute of Leadership & Management and Management Today, 2011, file:///C:/Users/Work%2017/Downloads/report_index_landtrust_2011_sept.pdf

(9)  Müller, H.-P., Reitz, T. (Hrsg.): Simmel-Handbuch: Begriffe, Hauptwerke, Aktualität, suhrkamp, 2018

(10)  Offe, M. , Hartmann, C (Hrsg.): Vertrauen, Die Grundlage sozialen Zusammenhalts, Campus Verlag, Frankfurt, 2001

(11)Wöhrmann, S.: 14 Tipps, wie Sie nie wieder ausgenutzt werden https://hrminspiration.wordpress.com/2017/04/30/lesetipp-14-tipps-wie-sie-nie-wieder-ausgenutzt-werden/

(12) Wöhrmann,S. : Ü´s im Berufsleben https://hrminspiration.wordpress.com/2020/06/03/us-im-berufsleben/

(13) Key Note Vortrag Wöhrmann, S.: Moderne Instrumente der Personalgewinnung, Kongress Intensivpflegetag MVP) https://truffls.de/blog/2016/08/fachkraeftemangel-pflege-active-sourcing-tipps-recruiting

(14) Zitat: Krankenschwestern saufen nur Kaffee. HELIOS-Gründer tritt Mitarbeiter und Arbeitgebermarke mit Füßen 28. Februar 2014 von personalmarketing2null http://personalmarketing2null.de/2014/02/krankenschwestern-saufen-nur-kaffee-helios-arbeitgebermarke/

(15) Artikel für HR Autorenherz https://www.linkedin.com/groups/8910429/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s