Wie wir auf einen Schlag 217 Jahre Kinderbetreuung dazu bekommen. Von einer Mutter, die seit 20 Jahren auf einen Kindergartenplatz wartet.

Mutter sitzt entspannt am Computer und erledigt ihre Arbeit. Kind, ebenfalls schön frisiert, kein einziger Fleck auf dem Kleidchen, sitzt dabei und ist ganz interessiert. Zahlreiche Fotos machen uns glauben, dass das geht (geben Sie einmal unter Google / Bilder „Mutter Kind Computer ein! Alle sind sooo glücklich!)

Die Wahrheit sieht anders aus. Ein ehrlicheres Artikel-Foto und die dahinter stehende Aussage kommt dem schon näher: Weiterhin hohe Nachfrage bei Mutter-Kind-Kuren.

Wer, um Himmels willen, setzt uns dieses Bild in den Kopf, dass dies die Lösung sei? Home Office und ganz bequem nebenbei das Baby stillen oder das Kleinkind bespaßen?

Der Selbstversuch

Ich habe es versucht. Ganz ehrlich.

0-1 Jahr: Zwillinge, die sich nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen. Wird die eine gestillt, protestiert die Andere. Parallel zu Hause arbeiten? Ein Witz!

1-3 Jahre: Oh je, Kinder, die auch noch etwas wissen wollen! Untersuchen müssen. Anfassen müssen. Mit einem Computer nichts anfangen können. Kinder, die ohne Rücksicht auf (Mutters Konzentrations-)Verluste dazwischenfragen und während sie fragen die Treppe noch etwas wackelig nehmen. Kinder, die Steckdosen untersuchen oder einfach nur was essen wollen.

Kein Thema! Aber arbeiten, so mal nebenbei: Was soll dabei herauskommen? Ich habe die Wahl zwischen schwer verletzten Kindern und perfekter Präsentation oder einer Power Point Präsentation à la Don McMillan „Live after death by Power Point“.

3-6 Jahre: Kinder, sehr aktiv und neugierig rennen um mich herum. Klirr! In der Küche ist irgendetwas kaputtgegangen, bestimmt ein Glas, mit dessen Scherben sich meine Tochter gerade die Fußsohlen verletzt. Jaul! Meine alte Katze, die – falsch auf dem Arm einer 8–Jährigen transportiert – gerade denkt, man versuche ihr den Magen abzuklemmen.

Nach getaner Schadensbegrenzung gehe ich wieder leicht schweißglänzend zurück an den Laptop. Wo war ich gerade stehen geblieben?

Alles nur Ausreden?

Nicht dass ihr denkt, da versuche sich jemand rauszureden um nicht zu arbeiten. Nachdem meine Zwillinge ein halbes Jahr alt waren, bin ich wieder zur Arbeit gegangen. Die Antworten auf die Fragen in den Supermutter-Hirnen lauten: Ja, stimmt, Führungsjob. Nein, mein Mann verdient genug. Ja, ich mag meine Arbeit. Ganz einfach, ich habe nicht studiert und geackert um zu Hause zu bleiben. Raben-Mutter? Müsst ihr beurteilen. Heute, 21 Jahre später, könnt ihr meine Kinder direkt fragen.

Der Floh im Ohr wird zum Drachen

Was ich meine ist: Da wird Müttern ein Floh ins Ohr gesetzt, der dazu beiträgt, dass wir etwas versuchen, was gar nicht geht. Der Floh wird zum Drachen. Der Drachen wird zum Selbstbild. Und da viele Frauen es lieben, sich mit unrealistischen Zielen zu messen, um letztendlich zu verzweifeln („Die gestylte Karriere-Frau, die nach dem größten Deal ihres Lebens superfit und schlank zum Sport geht um anschließend, wieder gut gestylt mit einem Top-Typen im Top-Restaurant sitzt“) können wir den Männern wirklich nicht vorwerfen, dass sie denken, dass Home Office Baby, Sexy Mum und saubere Räume kein Ding sind.

Bedingungen, zu denen Mutterschaft stattfindet

Eine intelligente Headline aus dem Göttinger Tagesblatt spricht es aus: “…Mutter sein ist die schönste Sache der Welt. Doch Studien belegen immer öfter das Gegenteil. Dabei ist es nicht das Kind, das die Psyche von Frauen belastet. Es sind die Bedingungen, zu denen Mutterschaft in der heutigen Gesellschaft möglich (sind).

Also steht wieder einmal der Ruf nach Lösungen auf dem Plan.

Ruf nach Lösungen

Wir haben die Wahl zwischen uralten Kamellen, kreativen Lösungen oder Hands-on.

Uralte Kamellen

Wer naiv auf Lösungen vom Staat (oder Unternehmen) wartet, kann sich schon mal locker zurück lehnen: Bundesweit fehlen laut IW 273.000 Kita-Plätze für unter Dreijährige. Seitdem ich nach Kita-Plätzen gesucht habe – und dass ist ¼ Jahrhundert her! – hat sich nichts geändert. Sch.. auf die Statistiken. Schande an alle Parteien, die sich da vorne hinstellen und auf das kleine Plus in der Säulengrafik verweisen. Peinlich, wenn da steht: Kinderbetreuung – Betreuungslücke sinkt leicht auf 273.000 Plätze Wido Geis-Thöne. Und nicht: Katastrophe! Wir kriegen es einfach nicht gebacken für unsere Kinder eine gute Betreuung in unserem ach so reichen Staat zu organisieren! Wer böse ist kann denken, dass das so gewollt ist.

Kreative Lösungen

Da gibt es Initiativen die darauf setzen, dass man stolz darauf sein darf Mutter zu sein und dies in seinen Lebenslauf bringen soll. (z.B. MumPlus). Ich möchte mal sehen, was das ATS (Applicant Tracking System) dazu sagt wenn da steht: 1/2017-12/2019: Mutter. – gestillt (Geduld bewiesen!), gefüttert (Kochkünste erworben!), Windeln gewechselt (Resilienz gezeigt), Ostereier bemalt (Kenntnisse über die besten Waschmittel der Welt erworben).

Jammer-Jaul oder Netzwerk der Mütter?

Aber wir wollen auch nicht immer in die Jammer-Jaul-Ecke gehen und mit dem Finger auf andere zeigen. „Keiner versteht mich“ „Niemand nimmt Rücksicht“. Denn, sorry!, meine Erfahrung ist auch, dass gerade Mütter gegenüber Müttern zu gemeinen fleischfressenden missgünstigen Wesen mutieren können und genau dann noch einen oben drauf setzten, wenn man schon am Boden liegt. O-Ton einer Sekretärin: „Na, Frau Wöhrmann, was machen denn Ihre Kinder, wenn Sie arbeiten?“. Natürlich habe ich sie eingegraben und hole sie nach der Arbeit wieder aus dem Erdloch, alte Ziege.

Wenn Männer die Kinderbetreuung plus Job übernehmen würden, dann hätten wir so viele XXL-Super-Hyper-Kindergärten und Krippen, wir könnten uns gar nicht mehr retten. Da das aber immer noch in der Zukunft liegt, gibt es nur eine Lösung, von den Männern abgeschaut: Mütter entwickeln Netzwerke. Sie unterstützen sich gegenseitig. Bilden Gemeinschaften, in denen Kinder betreut werden. Und wenn es nur für 1,2 Stunden ist. Oder 10 Minuten.

10 Minuten, 1-2 Stunden? Das hilft doch nix!

Mit der „großen“ Lösung habe ich es übrigens schon mal versucht. Mit dem OK der Firma eine Kinderbetreuungs-Tagesstätte mit festem ausgebildeten Personal plus Mütter, die sich engagieren einrichten um den zusätzlichen Betreuungsbedarf abzudecken. Ich erspare Ihnen, meine lieben Leser, den ganzen intensiven Arbeitsprozess und komme gleich zum Punkt. Alles war da. Räume. Ausstattung, genügend Toiletten in der richtigen Höhe. Ausgebildetes Personal. Nur nicht die Mütter, die sich am lautesten beklagt haben.

Aber: In Deutschland gibt es 11,44 Millionen Familien. Wenn jede Familie in Deutschland auch nur 10 Minuten in eine andere Familie investiert, haben wir locker 2 Millionen Stunden Kinderbetreuung, rund 80.000 Tage, 217 Jahre. So klein ist es dann doch nicht.

Miteinander die Themen anpacken

Anstatt sich gegenseitig fertig zu machen: Miteinander die Themen anpacken. Anstatt andere Mütter abschätzig danach zu beurteilen, ob ihr Kind nun Süssis bekommt oder nicht: die Energie in die wichtigen Dinge stecken: Einfach nur mal anbieten, der berufstätigen Mutter nebenan das Kind mal abzunehmen oder mit zum Sport zu fahren. Weg von den unsinnigen aber zeitraubenden Diskussionen ob nun Schnuller A oder B oder Plastikspielzeug oder Bauklötze, hin zu Lisa, die zur Arbeit muss und der Waldkindergarten wegen Blitz und Donner wieder einmal ausfällt.

Und wenn der hauseigene Schnucki dann sagt: „Mildred, Du tust wieder so viel für andere, da bekommst Du nie etwas von zurück! Dann sagt einfach: „Stimmt, will ich auch gar nicht. Ich will, dass ich nicht in 20 Jahren darüber Artikel schreibe dass sich in Sachen Kinderbetreuung nichts aber auch gar nichts verändert hat.“

Dieser Artikel kommt von: Blog HRM Inspiration

Silke Wöhrmann, Dipl.-Kfm. Ist Hochschuldozentin für Personalpsychologie / Eignungsdiagnostik und Inhaberin der APT Human Management. Und Mutter von Zwillingen.

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