Über das Verhältnis der Personaler & IT´ler & wie es besser geht: Interview mit Gertrud Schober,Head of HR bei Puzzle ITC

„Delete“ – was in der IT – Eignungsdiagnostik erreicht wurde

Sachliche, erfahrene, seriöse Personalentscheider bekommen so einen eigenartigen Blick, wenn Sie „Java, SQL, Informatik, Support, Cloud, Linux, Engineer, Cyber-Security“ hören. Der Blick lässt nichts Gutes ahnen. Er wird sehnsüchtig, schwammig und sorgt in Sekundenschnelle für gewaltige Bugs im Hirn des sonst so nüchternen Personalmenschen.

Plötzlich ist „Delete“ die Taste, die alles löscht, was in jahrelanger harter Arbeit in der Eignungsdiagnostik erreicht wurde. Die sozialen Kompetenzen? Egal, der/die sitzt ja doch nur vor dem PC. Innovationsfähigkeit? Soll ja programmieren/supporten, nicht Ideen entwickeln. Genaues Prüfen der Unterlagen, Zeugnisse? Wozu, Hauptsache IT-Skills sind vorhanden. Karriereförderung? Die gehen doch nach 2 Jahren eh´ wieder. Personalentscheider scheuen sich, Anforderungen zu stellen, die über die fachliche Kompetenz hinausgehen, um bloß keine Bewerber zu verscheuchen. Ein riesiger Schritt zurück in das Mittelalter der Eignungsdiagnostik.

Doch die IT´ler schlagen zurück. Sie sind sich ihres Marktwertes sehr wohl bewusst und setzen diesen ein. Mit enormen Gehaltsforderungen zum Beispiel. Zitat: „In Frankfurt am Main mit seinem Bankensektor liegt das Lohnniveau für IT-Fachkräfte um 21,39 Prozent über dem Bundesdurchschnitt.“ Wow!

Der Nerd wird zum „Ich-Verkäufer“

Der frühere nette, etwas belächelte „Nerd“ ist zum Ich-Verkäufer geworden, zum Söldner des oberen Mittelstandes. Wer kann es ihm/ihr verdenken? Personaler öffnen dafür Tür und Tor, lassen Dinge zu, die sie in anderen Berufsgruppen niemals gelten lassen würden. Ein Bewerbungsschreiben, kurz mal hingeschmiert, ohne Lebenslauf, ohne Zeugnisse, ist plötzlich wieder voll in Ordnung. Wenn das Foto fehlt – egal, Schönheit zählt ja nicht. Verschwitztes T-Shirt mit „Fuck you“ Aufdruck beim Bewerbungsgespräch? Naja, er ist halt jung.

Nicht beschweren: Die abstrusen Gehaltsforderungen sind selbstgemacht

Mit dieser Weichspül-Haltung überrascht man nicht nur Bewerber/innen, die sich Mühe geben. Anfangs überrascht man auch Bewerber, die einen IT-Job möchten. „Was? Sowas lassen die durchgehen?“. Fakt aber ist: So kreiert man Menschen die lernen, wie Selbstverliebtheit und Unverschämtheit noch belohnt wird und stellt diese dann auch ein. Dann darf man sich aber auch bitte nicht beschweren, dass die IT-Gehälter Budgets ins Wanken geraten.

Nicht falsch verstehen: Es gibt viele korrekte, sozial kompetente Informatikerinnen und Informatiker, die diesen „War for Talents“ nicht mitmachen. Aber auch sie werden irgendwann sagen: Wenn mein Kollege XY verdient – warum nicht auch ich? Wenn er einen Dienstwagen bekommt (wofür eigentlich?) – warum dann nicht auch ich?

IT-ler mit Sonderstatus provoziert soziale Unruhe im Unternehmen

Die Folgen zeigen sich nicht nur in einem sozialen Schlamassel, in welchem IT´ler – gewollt oder auch nicht – eine Sonderstellung im Unternehmen erhalten und diese dann zu integrativen Unruhen führen. Sie zeigen sich in hohen Fluktuationsraten, die wirtschaftlich und personalpolitisch beängstigend relevant sind. Sie zeigen sich in sozialen Abgrenzungen, in denen Abteilung A sagt: „Aah, da kommt die IT“ und nicht „Hallo, liebe Kollegen!“.

Aber die IT´ler sehen nach der ersten Verschnaufpause, dass Geld nicht alles ist. Sie wollen mehr: Soziale Wertschätzung, Integration, Karrierechancen und –förderung, Verwirklichung eigener und fachlicher Ziele. Denn sie sehen auch: Der Tanz um das goldene Kalb entzieht Ihnen das gute Gefühl, durch Leistung Stück für Stück aus eigener Kraft mittels eigenem Wissen weiter zu kommen.

Vielleicht wissen es IT-Unternehmen besser, wie man IT`ler davon überzeugt, im eigenen Unternehmen einen guten Job zu machen.

Wie machen es die IT-Unternehmen?

Ob IT-Unternehmen, Recruiter, Headhunter – gibt es Unterschiede bei der Rekrutierung im ersten Step, den Stellenangeboten und dem dann folgenden Prozess der Einreichung von Bewerbungsunterlagen?

Hier eine kleine Übersicht:

HCS-IT Services Keine Bewerbungsmöglichkeit auf der Website, keine Bewerberansprache
Novotec GmbH Unter „Karriere“: Klassisches Anforderungsprofil für IT-Systemadministratoren, 1 Seite.
Sentinel Klassisch, aber gut und übersichtlich aufbereitete Karriereseite. schneller Weg zur Bewerbung (Webformular)
Nordeck IT & Consulting GmbH Suchen ist Pflicht! Karriereseite unter „Unternehmen“ graue Schrift auf weißem Hintergrund.

Hier sind auf der Startseite Menschen zu sehen, Focus auf Training und Weiterbildung wird dargestellt und herausgearbeitet.

Cermit IT-Consulting GmbH Klassisches Profil (Das bringen Sie mit, das bieten wir). Schneller Bewerbungsprozess über Email mit Kurzprofil
Gronau IT Cloud Computing Klassisches Profil ohne „Das bieten wir“, Nur fachliche und soziale Kompetenzen. Schneller Bewerbungsprozess über Email mit Kurzprofil
Bechtle Zugang zur Karriereseite unter „Über Bechtle“ – dann 880 (!) Treffer. Profile schwer voneinander differenzierbar. Online Bewerbung mit Bewerbungsformular
Cloudeteer Direkter Einstieg zum Bewerben auf der Startseite. Kurze Abfrage eines Profils und digitales Einreichen einer Bewerbung (formlos)
Sepago GmbH Herausstellung „sepago als Arbeitgeber“ auf der Startseite. Einfaches Finden der Karriereseite mit direkter Aufforderung, Ideen in die IT zu bringen. Hervorheben des „Miteinanders“ auf der Karriereseite, positive Darstellung der Unternehmenskultur, schneller 3-Stufen-Prozess und Transparenz im Bewerbungsverfahren.

 

Zusammengefasst: Viel Neues gibt es nicht wirklich. Klick auf „Karriere“ (wenn man es dann findet),  Stellenanzeigen lesen („Das bieten wir / Das erwarten wir“) und dann ab mit der Bewerbung via Email.

Einzig auffällig dabei ist die Bitte vieler IT-Unternehmen an Personalvermittler, sie nicht zu kontaktieren. Aber ob diese Bitte auch Bewerber juckt? Wohl eher nicht.

Aber ein sichtbares, ganzheitliches Konzept? Mit Liebe gestaltete Profile, abgeleitet aus Werten und Unternehmenszielen die dem Bewerber zeigen, wer man ist, was ihn erwartet, wie die Menschen, mit denen er zusammenarbeitet ticken? Die zeigen: Wir haben uns Gedanken über Deine Bedürfnisse gemacht und darüber, wie wir sie gemeinsam erfüllen können? Die IT-Unternehmen zeigen lieber Ihren Kunden, was sie fachlich drauf haben und konzentrieren sich auf die Darstellung Ihres technischen Know-Hows („XXX – Der Spezialist für harte Nüsse in der IT“, „Cloud im Kopf und IT im Blut“.) Mit diesen Aussagen wird – sicherlich nicht gewollt, aber tatsächlich vermittelt: IT´ler sind für uns Personen, die fachlich fit sind und arbeiten, aber keine Mit-Denker, Mit-Gestalter, Miteinander-Menschen.

 

Eine Ausnahme: Puzzle ITC GmbH

Da muss man bis nach Bern gehen, in die Hauptstadt der Schweiz, zur Puzzle ITC. 1999 von drei IT-Freaks gegründet und in den letzten Jahren auf 124 Members gewachsen. So heißen die Menschen, die hier arbeiten. Nicht: Teilzeitkraft, Angestellte oder Ressource.

Im Interview mit Gertrud Schober, Head of HR bei Puzzle ITC

Gertrud Schober, ist seit 2014 bei Puzzle ITC als Head of HR tätig. Vorher arbeitete sie bei einem amerikanisch geführten Unternehmen und fand bei Puzzle einen Arbeitsplatz mit der Chance zum Gestalten, Mit-Wachsen, Mit-Reden und Mit-Menschlichkeit.

Silke Wöhrmann: „Frau Schober, auf Ihrer Startseite ist mir aufgefallen, dass Sie sich im Vergleich zu anderen IT-Unternehmen schwerpunktmäßig als Arbeitgeber und der damit verbundenen Kultur vorstellen – Sie verzichten lieber auf die lange Darstellung Ihrer Dienstleistungen. Was hat Sie dazu bewogen?“

Gertrud Schober:“ Wenn ich einen Frisör suche, dann weiß ich, dass er Haare schneiden kann. Aber mir ist bei der Auswahl einer Dienstleistung der Mensch dahinter wichtig Bei der Informatik verhält es sich ähnlich. Die Dienstleistung Informatik ist an sich eine „Black Box“, etwas, was sich nicht jedem sofort offenbart. Wenn ich also jemandem Vertrauen schenke, dann dem Menschen, der etwas von der Technik versteht. Das führt dazu, dass eine Kultur für Menschen erschaffen werden muss und diese auch durch sie geprägt wird. Gemeinsam mit unserer Kultur sind wir sehr stark gewachsen – wir haben unsere Mitarbeiteranzahl in den letzten Jahren fast verdoppelt. Unsere Aufgabe ist es jetzt, mit dem stetigen Wachstum diese Kultur zu erhalten und zu fördern.

 „Wie wollen sie das machen?“

Gertrud Schober: “Bereits von Anfang an wurde entschieden, dass Puzzle nicht nur auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Für uns ist es wichtig, dass der Member sich als Puzzleteil integriert fühlt. Wir fördern die Innovation und Ausbildung jedes Einzelnen und sorgen für eine angenehme Work-Life-Balance. Zu unseren Benefits gehören unter anderem flexible Arbeitszeiten, Förderung der Gesundheit, Fitnessabos sowie ein transparentes Lohnmodell. Im Büroalltag bieten eine Begegnungszone und die Möglichkeit projektbezogen zu arbeiten. Bei uns gibt es Getränke, Früchte und Schokolade gratis. Es gibt verschiedene Veranstaltungen für die Members.  Unsere Kultur erlaubt offen und durchaus auch kritisch zu denken. Anregungen werden ernst genommen und diskutiert, das „Warum“ wird erklärt. Zum Beispiel wurde angeregt, dass wir ein Teil des Gehaltes in Bitcoins für diejenigen auszahlen, die es wünschen. Eine Arbeitsgruppe nahm diese Idee auf und heute ist eine Lohnauszahlung in Bitcoins möglich.“

„Eine Vision und Benefits sind gut. Aber was machen Sie, wenn es mal kritisch wird? Zum Beispiel wenn Sie einen Mitarbeiter haben, der die Performance nicht zeigt – trotz aller Hilfestellungen und Angebote?“

Gertrud Schober: “Miteinander reden. Wir lassen Platz für eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen und leben keine „Hire-Fire-Mentalität“. Es soll unseren Members gut gehen – dazu gehört auch, dass Platz für private Situationen gelassen wird. Für jedes Problem gibt es eine Lösung, besondere Situationen, brauchen besondere Lösungen. Letztendlich sind es die Menschen, um die es geht.“

Gibt es Erfolge, die sie Ihrer gelebten Kultur zuschreiben würden?

Ich bin stolz sagen zu können, dass wir z.B. keine Langzeitkranken haben, keine Burn-Out-„Fälle“. Unsere Mitarbeitende sind gesund, und wenn etwas ist, wird sich gekümmert.

Nicht überall in den IT-Unternehmen gibt es eine HR-Abteilung oder HR-Ansprechpartner. Wie ist das bei Puzzle ITC entstanden?

Bei einer geringeren Anzahl von Mitarbeitenden erledigt die HR-Aufgaben eine Assistentin und der CEO. Bei einer Anzahl von über 60 Members entschied man sich für eine Head of HR Stelle.

Viele Mitbewerber beklagen sich hinsichtlich der Schwierigkeit, geeignetes Personal zu finden. Wie ist es in dieser Hinsicht bei Ihnen?

Natürlich spüren auch wir den Fachkräftemangel. Uns kommt das „Empfehlungsmarketing“ zu Gute – viele gute Bewerbungen erhalte ich durch Empfehlung durch unsere Members. Zudem sind wir präsent in der Öffentlichkeit mit unseren Themen Open-Source, Blockchain, Lightning sowie unserer Container Plattform APPUIO.

Und wenn Sie einen Bewerber haben, der fachlich vielleicht nicht so gut ist?

Ich glaube daran, dass jeder, der etwas lernen will, dies auch kann und wird. Für uns ist die Persönlichkeit und die Sozialkompetenz ebenso wichtig. Die Person muss zu Puzzle passen. Ich kann mich da meistens auf mein Bauchgefühl verlassen! 🙂

Herzlichen Dank, liebe Frau Schober!

Silke WöhrmannDipl.-Kfm., (54) ist Personalentwicklerin und Hochschuldozentin im Bereich Personalpsychologie und –management. Nach verschiedenen leitenden Positionen im Bereich Personalentwicklung und Personalmarketing arbeitet sie heute als Consultant Personalmarketing und –entwicklung sowie als Autorin und Coach. Als Gründerin und Geschäftsinhaberin der APT Human Management setzt sie sich zum Ziel, neue Konzepte, Strategien und Ideen im Human Resources Management zu entwickeln und zu etablieren. Kontakt: info[et]apt-woehrmann.de – http://www.apt-human-management.de.

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